Lebendige Geschichte

Augenblick mal! als Treffpunkt für Archive und Theater

Im Mai 2011 haben Studierende der Fachhochschule Potsdam zwei Gastspiele des Deutschen Kinder- und Jugendtheater-Treffens in Berlin besucht und ein Fachgespräch mit einem Dramaturgen geführt. Zwei auf historischen Quellen basierende Inszenierungen haben den Studierenden gezeigt, wie die Theater aus schriftlichen oder mündlichen Überlieferungen ein mitreissendes Ereignis schaffen.

Denn einerseits begegnen die angehenden Archivare und Bibliothekare später den Künstlern bei entsprechenden Anfragen in ihren Einrichtungen und andererseits hat die historische Bildungsarbeit in den Archiven das Theaterspiel selbst als Methode für eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit entdeckt. Durch diese Interessen finden die Theater aufgeschlossene Partner bei der Vorbereitung von ihren Inszenierungen und die Theaterpädagogik kann sich wie schon in Kooperation mit der Museumspädagogik ein weiteres Feld erschließen.

Bild Nach Schwaben, Kinder! © Tom Pingel

In der Projektveranstaltung Szenische Darstellung im Archiv des Fachbereichs Informationswissenschaften im Sommersemester 2011 haben sich Prof. Dr. Susanne Freund und Dr. Jürgen Kirschner darauf konzentriert, wie kulturelle Überlieferungen in Theaterinszenierungen vermittelt werden. Dazu haben sie die Arbeitsweisen von Gedächtnisinstitutionen und Theatern im Hinblick auf eine spätere Kooperationen in der Praxis gegenübergestellt. Mit den beiden Aufführungsbesuchen und dem Nachgespräch mit dem Dramaturgen vom Jungen Ensemble Stuttgart Christian Schönfelder konnten der Umgang des Theaters mit Quellen veranschaulicht und die Inszenierung als fiktionales Ergebnis historischer Recherche diskutiert werden: "Trollmanns Kampf" vom Jungen Schauspiel Hannover schildert den Kampf der deutschen Sinti um Anerkennung im Spiegel des Schicksals des Hannoveraner Boxers Johann Trollmann im Nationalsozialismus. "Nach Schwaben, Kinder!" vom Jungen Ensemble Stuttgart setzt sich mit der Arbeitsmigration von Kindern aus Tirol nach Schwaben gegen Ende des 19. Jahrhunderts auseinander.
Im Vergleich zur Stückentwicklung an einem professionellen Theater haben die Studierenden auch selbst eine szenische Lesung aus Dokumenten der Berliner Sammlung des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland entwickelt. Sie haben vier ausgewählte Dokumentgruppen zur Theaterpolitik der Deutschen Demokratischen Republik gesichtet, zu den Fragestellungen recherchiert und ein Thema als szenische Lesung in einer Abschlussveranstaltung präsentiert. Im Verlauf des Projekts hat sich gezeigt, wie sich mit der theatralen Aufgabenstellung am zunächst sperrigen Material ein Interesse entzünden kann und wie die Beteiligten durch die praktischen eigenen Schritte in thematischer und methodischer Hinsicht ihren Horizont erweitern können. 

In Hessen wird gegenwärtig die Verbindung zwischen Theatern und Schulen mit dem Projekt flux der ASSITEJ Bundesrepublik Deutschland intensiviert, in Nordrhein-Westfalen fördert die Initiative Bildungspartner NRW neuerdings auch die Zusammenarbeit von Archiven und Schulen: "Archive leisten einen wichtigen Beitrag zur kulturellen, historischen und politischen Bildung". Und schon seit längerer Zeit thematisiert der Arbeitskreis Archivpädagogik und Historische Bildungsarbeit im Verband Deutscher Archivarinnen und Archivare szenische Formen zur Bildung und Öffentlichkeitsarbeit. Die in Potsdam entstandenen Modelle zur szenischen Lesung erweitern dieses Repertoire und ergänzen die bisherigen theaterpädagogischen Erfahrungen. Das Zentrum unterstützt auch weiterhin das Interesse der Archive am Phänomen Theater von der ersten Begegnung mit dem Theater bis zur Entwicklung neuer Spielformen mit den aktiven Spielleitern, auch in Verbindung mit dem professionellen Theater. Ebenso wird das Zentrum die Anwendung dieser Perspektive historischer Bildungsarbeit auf die eigenen Archive unter dem Stichwort 'Theater über Theater' fortsetzen.

Ansprechpartner ist der wissenschaftliche Dokumentar des Zentrums.

Einen ersten Überblick zu den verschiedenen Strategien und Ergebnissen beim theatralen Umgang mit historischen Quellen gibt die Magisterarbeit von Sigrid Dauks: "Aus den Akten auf die Bühne". Inszenierungen in der archivarischen Bildungsarbeit. Berlin: Bibspider 2010. 145 S. (Historische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit. 2.). Da die Autorin die Projekte der Archive, Theater und einer Universität vorwiegend aus dem Blickwinkel der Archive untersucht, gibt sie auch für Theater und die Theaterpädagogik einen guten Einblick in den Kenntnisstand und die Perspektiven dieses Feldes.

Der Flyer zur Präsentation im Sommer 2011 und die rückblickende Pressemitteilung der Fachhochschule Potsdam bieten in Text und Bild weitere Informationen zu dieser Lehrveranstaltung.