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Publikationen

Schneider, Wolfgang (Hrsg.):
Kinder- und Jugendtheater in Schweden.

Tübingen: Gunter Narr Verlag 2003. 176 Seiten
ISBN 3-8233-5941-X
Das Buch ist vergriffen

Schweden sei ein Wunderland des Kinder- und Jugendtheaters, hat einmal der Kinder- und Jugendbuchautor Rudolf Herfurtner geschrieben. Im Norden Europas gebe es ein Gesetz, das es den schulpflichtigen Zuschauern ermögliche, zwei Mal im Jahr Theater zu besuchen. Tatsächlich gibt es im Flächenland Schweden viele Bühnen, die sich mobil in allen Regionen einem jungen Publikum zuwenden. Aber nicht nur von Qualitäten ist zu berichten. Schwedisches Kinder- und Jugendtheater weiß existentielle Geschichten zu erzählen, die mit hoher Schauspielkunst inszeniert werden. Große Namen prägen das künstlerische Schaffen, engagierte Theatergruppen entwickeln seit Jahrzehnten neue Spielweisen. Zahlreiche schwedische Stücke sind mittlerweile im Bestand eines internationalen Repertoires, das deutsche Kinder- und Jugendtheater lebt auch von der Dramatik unseres nordischen Nachbarns. Dem historischen und dem zeitgenössischen Kinder- und Jugendtheater widmet sich dieser Band, der Künstler und Kritiker gleichermaßen zu Wort kommen lässt. Erstmalig wird dies einmalige Landschaft so vielfältig beschrieben.

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 Es ist viel passiert. In den 15 Jahren, die seit " Kindertheater in der Wirklichkeit" vergangen sind, hat sich die Wirklichkeit verändert. Auch das Kindertheater, zumindest zahlenmäßig. In den größeren Städten wimmelt es nur so von mehr oder weniger festen Bühnen. Nie zuvor haben so viele Theater gespielt, wie die Kultursoziologen enthusiastisch feststellen. Trotzdem sind es recht wenige, die in Jubel ausbrechen. Der Zuschauerkreis ist nicht größer geworden, möglicherweise aber homogener. Die großen Institutionen werden verschlankt und kommen ins Wanken. Die Seifenopernindustrie trägt zur Destabilisierung bei, indem sie Arbeitsmöglichkeiten bietet - im Tausch gegen Starkult und der Proletarisierung des Schauspielerberufs. Die Deregulierung der Schule und die Digitalisierung der Unterhaltungskultur beschleunigen die von grundlegenderen Faktoren ausgelöste Abtrennung von den Lebensbedingungen der Kinder.

 Tatsächlich ist Kindertheater eine Klassenfrage wie nie zuvor. Aber nicht im Theater. Dort hat der Künstler den Pädagogen abgelöst.  

Das klingt doch wunderbar! Wer würde nicht Pippi einer Prüsseliese vorziehen? Aber Moment, rufen wir noch nicht Hurra! Denken wir nach: Hat Pippis Herrschaft dazu geführt, dass das schwedische Kindertheater vor Kreativität nur so strotzt? Wohl kaum.

  Denken wir noch einmal nach: Hat die Pensionierung der Prüsseliese dazu geführt, dass die Kinder ihre seit Urzeiten untergeordnete Rolle aufgegeben haben und nun zum ersten Mal in der Geschichte der Zivilisation aus eigener Erfahrung sprechen, für sich selbst, mit eigener Stimme? Wohl kaum.

 Aber Verwirrung greift um sich, soviel ist sicher.  

Sie kann sich in schwachem Selbstvertrauen zeigen und im eifersüchtigen Schielen nach Technik und Tricks aus anderen Medienbereichen - sie kann aber auch zum Ausverkauf der Fähigkeiten verführen, die das eigentliche Kapital des lebendigen Theaters sind. Sie kann das beharrliche und schmerzhafte Erforschen der Konsequenzen, die sich aus dem Einnehmen der Kinderperspektive ergeben, durch schlappe, halb schüchterne Verweise auf Autoritäten (Bettelheim beispielsweise) ersetzen. Sie kann gelebten Inhalt und brennende Neugier durch Form und Routine ersetzen. Sie lässt das Kind im Allgemeinen an die Stelle des Kindes als Individuum treten.  

Das schwedische Kindertheater scheint, wenn auch nicht in der besten aller Welten, so doch in jedem Fall in einer anderen Welt zu leben, als der, in der sein Publikum leben muss. Es gibt eine weit verbreitete Tendenz, geistige Leere und schwammige Konzepte durch stilisierten Nonsens zu kaschieren. Der blutleere Ästhetizismus und das kraftlose Wohlwollen sind offensichtlich. Und tragisch, da sie eine Gesellschaftsordnung legitimieren, die es nicht mehr gibt.  

Mein Eindruck ist, dass das Kindertheater wieder eine Angelegenheit der kulturellen Elite der städtischen Mittelschicht geworden ist, ungefähr so wie zu Elsa Olenius" Zeiten. Von den unterschiedlichen Wirklichkeiten der Kinder weiß diese nicht viel, interessiert sich auch nicht dafür, ist aber in der Kultur und arbeitsmarktpolitschen Bürokratie, in die sie eingebunden ist, durchaus bewandert. In die um ihre kulturellen Mittel beraubten Schule findet das Kindertheater heutzutage immer schwerer Zutritt, und das trägt zur Isolierung bei. Die Diskussion um das Kindertheater ist in der Hauptsache eine Angelegenheit für ein Establishment, bestehend aus Regisseuren, Bürokraten, Pädagogen und Kritikern der gleichen Generation, die früher einmal gegen das in Konvention und Ritual erstarrte Kindertheater aufbegehrt haben und die seitdem mit ihm wieder erstarrt sind.  

Ist jetzt die Zeit für die Revanche der Prüsseliese gekommen?  

Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich. Lieber eine Prüsseliese, die weiß, was sie lehren will, als eine Pippi, die vergessen hat, warum sie die Plutimikation nicht lernen will. Gegen Erstere kann man zumindest aufbegehren.