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Publikationen

Fangauf, Henning (Hrsg.):
Dramatik aus Polen.
Stücke von Liliana Bardijewska, Krystyna Choloniewska, Radoslaw Figura und Piotr Tomaszuk
Wilhelmshaven: Noetzel, Heinrichshofen-Bücher 2001. 130 Seiten
ISBN 3-7959-0806-X

Polen war im Oktober 2000 Gastland der 52. Frankfurter Buchmesse. Auf Einladung des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland und mit Unterstützung des Deutsch - Polnischen Jugendwerkes stellten polnische Autorinnen und Autoren der dramatischen Kinder- und Jugendliteratur ihre aktuellen Stücke vor. In dem vorliegenden Band sind folgende Stücke abgedruckt und stehen nun den Bühnen zur Lektüre und Inszenierung zur Verfügung: " Meine fünf Minuten" von Liliana Bardijewska, " Abwesend" von Krystyna Choloniewska, " Das Bild" von Radoslaw Figura und " Wilgefortis Opfer" von Piotr Tomaszuk. In einem einleitenden Beitrag von Zbigniew Rudzinsky, Theaterreferent in Poznan, wird die Situation des Kinder- und Jugendtheaters in Polen ausführlich beschrieben.

Zbigniew Rudzinski  

Neue Stücke für junge Zuschauer  Das zeitgenössische polnische Drama für Kinder und Jugendliche  

Im polnischen Kinder- und Jugendtheater der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts und insbesondere im populären Puppentheater war es üblich, die dramatische Weltliteratur, klassische polnische Stücke sowie Adaptionen von Märchen und Gedichten aufzuführen. Die bekanntesten Regisseure und Autoren waren Joanna Kulmowa, Krystyna Milobedzka, Leokadia Serafinowicz, Jan Dorman, Jan Wilkowski, Jerzy Zitzman und später Andrzej Maleszka, Maciej Wojtysszko oder Jerzy Niemczuk. Ihre Kreativität und ihr mutiger Blick auf die Dinge eröffnete neuen Raum für das Schreiben und ermutigte in den neunziger Jahren die jungen Autoren, zeitgenössische Themen und Protagonisten aus dem " Hier und Jetzt" auf die Bühne zu bringen.  

Das Repertoire der Stücke für Kinder und Jugendliche entwickelte sich in den achtziger Jahren positiv. Dennoch klagten die Theater über einen Mangel an neuen Werken. Heute hat sich die Situation umgekehrt. Jetzt sind es die Autoren, die sich beschweren, dass ihre Stücke nicht gespielt werden, sondern nur als „Lesedrama” in Form eines Bühnenmanuskripts zur Verfügung stehen. Das fehlende Interesse an neuen Stücken lässt sich nicht mit mangelnden künstlerischen Fähigkeiten im Umgang mit zeitgenössischer Dramatik erklären. Die wahren Gründe sind im Widerstand zu finden, solche Stücke zu inszenieren, die unkonventionelle Ideen ausdrücken und einen längeren Probenprozeß sowie intensives Schauspielertraining erfordern. Natürlich wird der eigene Blick auch stets auf die Theaterkasse und die gewünschten Einnahmen gelenkt. Die Angst vor Risiken und auch die Rücksichtnahme auf die Bequemlichkeit der Zuschauer spielten nach wie vor eine große Rolle.  

Auch der sich ab 1989 in Polen entwickelnde freie Markt hatte Auswirkungen auf die Theater. Dabei musste es zu Problemen kommen. Die Theater konnten naturgemäß dem unmittelbaren Interessen der Bürger, nämlichen die Wahren mit den Konsumenten gegenüberzustellen, nicht folgen. Theater, als Ort der Begegnung von Menschen, geht in Zeiten gesellschaftlicher Veränderungen ein anderes Risiko ein. Mut war gefordert.  

Das Theater für junge Zuschauer darf sich nicht nur von den Bedürfnissen und Empfindungen der Kinder leiten lassen. Sonst würde es einzelne ausschließen. Sein Angebot muss differenzierter, künstlerischer sein. Das Theater muss mit seinen Stücken und Inszenierungen den kurzlebigen Themen der Waren- und Modewelten widerstehen. Dazu gehört auch, Raum für die Klassiker zu schaffen, denn es wäre töricht, sich selbst von seinen kulturellen Wurzeln abzuschneiden. Das wäre eine falsch verstandene Moderne. Wir müssen frischen Wind in die Theater hereinlassen, zeitgenössische Themen und Formen erproben und die Ansichten der jungen Autoren umsetzen und inszenieren.  

Die wichtigsten Autorinnen und Autoren des polnischen Kinder- und Jugendtheaters sind Liliana Bardijewska, Krystyna Choloniewska, Elzbieta Jodko-Kula, Zywia Krasinska-Fluks, Malgorzata Kaminska-Sobczyk, Anna Onichimowska, Elzbieta Wojnarowska, Tomasz Bogus, Janusz Jezierski, Radoslaw Figura, Andrzej Lenartowski, Jerzy Rochowiak, Pawel Szumiec. Zu den erfahreneren Autoren der “ersten” Generation gehören Barbara Dohnalik, Lech Borski, Andrzej Maleszka, Jerzy Niemczuk, Tadeusz Slobodzianek, Maciej Wojtyszko. Sie alle sind noch aktive Autorinnen und Autoren. Großes Talent erwiesen die Nachwuchsautoren: Aneta Wróbel, Marta D. Gusniowska, Marta Grzechowiak, Iza Szymanowska, Magda Szymanska-Wleklik, allesamt Preisträger des ASSITEJ Wettbewerbes “Szukamy Polskiego Szekspira” (Auf der Suche nach dem Polnischen Shakespeare).  

Eine wichtige Rolle für die Entwicklung des zeitgenössischen polnischen Dramas spielen die jährlichen Autorenwettbewerbe und -werkstätten, die seit zehn Jahren sowohl durch das Kinderkultur-Zentrum in Poznan als auch durch die polnische ASSITEJ (Verband der professionellen Kinder- und Jugendtheater) durchgeführt werden. Die Erfolge dieser Aktivitäten liegen auf der Hand: durch Buchveröffentlichungen und Fernsehinszenierungen wird die interessierte Fachwelt mit den Werken der zeitgenössischen Autoren bekanntgemacht. Das “Autorentheater”, von dem in Deutschland und England längst die Rede ist, setzte sich somit auch in Polen durch.  

Seit Beginn der Wettbewerbe 1986 wurden ca. 1000 Stücke eingereicht und begutachtet, ca. 350 Stücke können aufgrund ihrer literarischen Qualitäten als bemerkenswert und herausragend bezeichnet werden. Allerdings zählen dazu auch manche Stücke, die vom Fernsehen inszeniert und ausgestrahlt wurden. Aber gerade dieses Fernseh-Inszenierungen haben die Autoren in ihrem Schreiben ermutigt. Interessante, gesellschaftlich relevante Stücke wurden für das Fernsehen geschrieben. Durch diese praktischen Erfahrungen konnten die Autoren ihre handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten weiterentwickeln.  

In “Afera” (Die Affaire) von Krystyna Choloniewska (das Stück wurde vom Fernsehen produziert) wird das uralte Thema des Aufbegehrens der Jugend gegen die Alten verhandelt. Auch ihre weiteren Stücke kreisen um diesen Themenkomplex. “Wszystko, czego potrzebujesz” (Alles was du brauchst), inszeniert von Piotr Tomaszuk an der Theaterschule in Wroclaw ist eine interessante Bearbeitung des “ Rattenfänger von Hameln”. Durch die Einladung einer bekannten Rockband hoffen die Eltern, ihre Kinder zurückzugewinnen. Die kommen auch, allerdings endet das Stück nicht im Sinne der Erwachsenen. Die Autorin ergreift Partei für beide Seiten und fordert Eltern und Kinder auf, einzig und allein nach ihrem Gewissen zu handeln. Choloniewskas Stück “Miejsca rzeczy zapomnianych” (Platz der verlorenen Dinge) kontrastiert “wahre” menschliche Bedürfnisse mit denen der Konsumwelt. Damit eröffnet sie dem Theater einen unverstellten Blick auf die Werte unserer Gesellschaft.  

Jugend ist eine außergewöhnliche Periode im Leben eines Menschen. So steht im Mittelpunkt des Stücks “Popcorn” von Maria Mielnikows die Suche nach der Bedeutung des Lebens. Die Geschichte des Mädchens Kasia, die von ihren Mitschülerinnen ausgeschlossen wird und schließlich einen Selbstmordversuch unternimmt, wird in Elzbieta Wojnarowskas Stück “Okularnica” (Vier Augen) beschrieben. Wojnarowskas letztes Stück, “Byl kiedys raj” (Es gab ein Paradies), zeigt den sozialen Abstieg eines jungen Paares. Dieses Stück bewegte das Publikum sehr und machte deutlich, wie die Brutalität des Lebens auf der Bühne gezeigt werden kann.   Eine interessante Studie über die sogenannten “Problem-Kinder” in Polens aufkommender kapitalistischer Gesellschaft findet sich in Andrzej Lenartowskis “Wielki Mag” (Der große Zauberer), ebenfalls als Fernsehinszenierung produziert. In dem Stück “Na niby” (Täuschung) führt uns der Autor “Computerkids” vor, die zwischen Realität und Fiction nicht mehr unterscheiden können und im tragischen “Show Down” enden.   Hervorzuheben sind unter den zahlreichen neuen Stücken folgende: ”Dzien konia” und “Polka-Galopka” von Barbara Dohnalik, “Dreszcz” von Lech Borski, “Czyja to ryba, czyj ptak” von Krystyna Choloniewska, “Rysunki na pamiatke” von Bozena Borek, “Sprawa Eliana Gonzaleza” von Pawel Szumiec.   Neben den sogenannten Problemstücken verfügt das Repertoire des polnischen Kinder- und Jugendtheaters über eine große Anzahl an Märchenbearbeitungen und Adaptionen bekannter Stoffe. Grzegorz Pankowskis Bühnenfassung des “Mädchens mit den Schwefelhölzern” beeindruckt das Publikum seit der Uraufführung 1990.  

Eine besondere Position nimmt die Autorin Liliana Bardijewska ein. Sie bewahrt in ihren Stücken die alten Märchen und Fabeln. Dem biblischen Noah gleich, versucht sie, diese Erzählformen auf der Bühne zu erhalten und zu tradieren. Sie schrieb mehr als zehn Kunstmärchen, Stücke über die Zeitlosigkeit und die immateriellen Werte des Lebens. Ihre erfolgreichsten Titel sind “Nareszcie bal”, “Zlodziej slow”, “Za ósma góra” oder “Koronki i kordonki”.  

Unter den polnischen Theaterkünstlern ist der Autor und Regisseur Piotr Tomaszuk mit seinem “Autoren - Theater” eine bemerkenswerte Ausnahme. Zurecht ist er berühmt geworden als künstlerischer Leiter des Theaters “Wieszalin”. Diese Gruppe, die mit ihren Inszenierungen immer wieder Fragen an die Gesellschaft und deren Humanität stellt, arbeitet seit über zehn Jahren auf höchstem künstlerischen Niveau. Ihre bekanntesten und auch im Ausland gezeigten Inszenierungen sind: “Turlajgroszek”, “Merlin” oder “Olbrzym”. Piotr Tomaszuks Fähigkeit, Erzählweisen in Theatralik umzusetzen, ist beeindruckend.   Die Stücke von Radoslaw Figura konfrontieren den Betrachter mit den Problemen der Kinder, die sich in einer von Erwachsenen dominierten Welt behaupten müssen. Es fehlt an Liebe und an aufrichtiger Kommunikation, so. z.B. in seinen Stücken “Obrazek” oder “Glupotki”. In letzerem bringt der Autor seine Überzeugung zum Ausdruck, dass Erwachsene durch die natürliche Kreativität, die nur Kinder mitbringen können, bereichert werden.  

Das Theater in Polen versucht, mit seinen Stücken und Inszenierungen die Funktion eines kollektiven Gewissens für das Land auszuüben. Das klassische Illusionstheater zählt nicht mehr. Die Sprache des Theaters heute ist vielfältiger geworden.  

(aus dem Englischen übersetzt von Henning Fangauf)