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Publikationen

Richard, Jörg (Hrsg. für die ASSITEJ BRD):
Kindheitsbilder im Theater.

Frankfurt (Main): Haag + Herchen 1994. 257 Seiten
ISBN 3-86137-138-3

Was geschieht, wenn Kinder und Jugendliche, wenn ihre Lebenswelt, ihre Träume und Wünsche auf der Bühne von erwachsenen Theatermachern dargestellt werden? Wir sehen vor allem die Vorstellungen, die sich eine Gesellschaft von ihnen macht und kein wirkliches Kinderleben. Es sind Kindheitsbilder.
Und diese zeigen die Wunschkinder der Erwachsenen - im Wechsel der Zeiten und Generationen. Allerdings glauben wir heute mehr denn je, daß wir im Theater, im Fernsehen, in der Jugendliteratur oder anderen Kindermedien wirkliche, authentische Kinder erleben. Aber unser Blick auf die Realkindheit ist getrübt von unseren Projektionen über Kindheit. Der Begriff vom Kindheitsbild ermöglicht, diese Vorstellungen und Wünsche anschaulich darzustellen und zu untersuchen. Das Kinder- und Jugendtheater ist in diesem Buch der konkrete Ort, an dem diese Wunschbilder aufgesucht werden. Exemplarisch steht er zugleich für das Bild vom Kind in unserer Gesellschaft, und wie es in den vielen Bereichen der Kinderkultur zum Ausdruck kommt. Literatur- und Theaterwissenschaftler, Kritiker, Autoren wie Theatermacher berichten, was für Sehweisen von Kindheit möglich sind und wie ein Blickwechsel neue und überraschende Einsichten über gegenwärtige Lebenszusammenhänge von Kindern und Erwachsenen eröffnen kann.
Kindheitsbilder im Theater ist ein Buch, das gleichermaßen von der Kindheit wie vom Theater handelt - und nicht zuletzt von unserer Gesellschaft und ihren kulturellen Wünschen.

Das Kind ist gut, das Leben schlecht...
oder wer sieht eigentlich durch den Spiegel

Kindheitsbilder im emanzipatorischen Kindertheater

Ein Außerirdischer, ETF, extraterrestrischer Freund, genannt, verirrt sich auf ein Kindertheaterfestival. Er stammt von einem Planeten, wo so diffizile Zustände wie Kindheit und Jugend völlig unbekannt sind. Die Menschen werden dort durch ein dem Klonen ähnliches Verfahren ins Leben gesetzt. Von Anfang an besitzen sie alle Fähigkeiten, die zu einem gesellschaftlichen Leben notwendig sind. Von daher sind unserem außerirdischen Freund die Bedeutungshorizonte von Begriffen wie Kindheit und Jugend natürlich fremd und unbekannt. Er nimmt Kinder nur als kurzgeratene Erwachsene wahr oder umgekehrt die Erwachsenen als großgewachsene Kinder. Aber diese Beschreibung ist bereits irreführend, da unserem Besucher ja der Sinn für die von uns so selbstverständlichen Generationsunterschiede fehlt. Alle Menschen erscheinen ihm auf einer Wahrnehmungsebene, etwa so, wie wir beim Anblick einer Wiese ja auch nicht zwischen den großen und kleinen Grashalmen unterscheiden.
Dennoch beginnt ETF zunehmend Unterschiede wahrzunehmen, ohne daß er sie aber verorten könnte und ihren Bedeutungen, gar ihrem Sinn auf die Spur käme. Jedes Theaterstück das er sich ansieht, gibt ihm neue Rätsel auf. Er versucht sie vermittels weiterer und genauerer Beobachtungen zu lösen. Bald ist er der neugierigste aller Zuschauer. Er wechselt den Sitzplatz, setzt sich ganz nach vorn zu den kurzen Wesen oder auch einmal zwischen die Großen nach hinten. Und immer, wenn er meint, etwas begriffen zu haben, drängt sich eine neue irritierende Beobachtung auf. Auf diese Weise stellt das Kinder- und Jugendtheater den Bereich seiner Fragen dar, aber auch den der möglichen Antworten. So vergleicht ETF ständig zwischen dem, was er im Foyer des Theaters, neben sich auf den Zuschauerbänken und dem, was er auf der Bühne sieht. Und da ihm nichts selbstverständlich ist, gerät er in einen Strudel von Fragen, der ihn schließlich dazu veranlaßt, sich die Codes von Kindheit durch Zurateziehung von Expertenwissen, gezielte Alltagsbeobachtungen, ja sogar durch Introspektion anzueignen. Auch das Angebot, die Kindheit in Form von Rollenspielen zu verstehen, nimmt er begierig wahr.
Eigentlich braucht diese Geschichte nicht weitererzählt zu werden, denn wir selbst – so sehr uns Kindheit und Jugend vertraut sein mögen – sind unserem extraterrestrischen Freund ja nicht völlig unähnlich. Besonders dann nicht, wenn wir uns als professionelle Experten, also schon von Berufs wegen aus der Alltagsbeobachtung heraustretend, den Kindheitsbildern nähern. ETF’s Schwierigkeiten belehren uns darüber, daß es unmöglich ist, etwas über die Kindheitsbilder zu sagen, ohne zugleich die Erwachsenheit vor Augen zu haben.
Betrachtet man die Entwicklung des Kindertheaters in den letzten fünfundzwanzig Jahren, so bestätigt sich vor allem diese Wechselbeziehung. Es hat sich, seit seine Geschichte als die des sogenannten emanzipatorischen Kindertheaters begann, immer analog zu den Fragen und Themen entwickelt, die die Erwachsenen gerade beschäftigten. Seine Politisierung, seine psychologische Wende, seine ästhetische Orientierung, all diese Veränderungen hingen zusammen mit den jeweiligen Neudefinitionen dessen, was Kindheit in unserer Republik darstellt (die neuen Bundesländer seien hier noch einmal ausgenommen), und entsprangen letztlich neuen Orientierungen in der Welt der Erwachsenen. [...]

Ingrid Hentschel