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Publikationen

Schneider, Wolfgang (Hrsg.):
Kindertheater nach 1968.
Neorealistische Entwicklungen in der Bundesrepublik und West-Berlin
Köln: Prometh Verlag 1984. 114 Seiten
ISBN 3-922009-72-7

Wolfgang Schneider beschreibt und analysiert das streitbare, lustvolle und parteiliche Kinder- und Jugendtheater in der Bundesrepublik nach 1968/69, die Arbeit vom " Grips Theater" , " Rote Grütze" , das Autorentheater von F.K. Waechter und Paul Maar, die Mitspieltheater und exemplarisch die Theaterangebote für Jugendliche in München und Frankfurt.

Entwicklungstendenzen des neorealistischen Kinder- und Jugendtheaters

[...]

Im Zuge der allgemeinen politischen Bewußtwerdung vor allem in studentischen Kreisen, resultierend aus einer kritischen Reflexion der gesellschaftlichen Zustände, erwuchs auch ein neuer Blick für das Kindertheater. Während der Berliner Senat schon 1961 den Brüder-Grimm-Preis für ein Kindertheater stiftet, das sich mit der Wirklichkeit der Kinder und Jugendlichen befaßt, werden erst Ende der 60er Jahre Stücke entwickelt, die ihr junges Publikum ernstnehmen und die Intention ihrer Arbeit nicht nur auf die Unterhaltung der Konsumenten beschränken. Die Jahresstatistik 1968/69 des Deutschen Bühnenvereins in der Sparte Kindertheater weist noch ausschließlich Märchenproduktionen aus, aber bereits 1970/71 finden sich neben Otfried Preußlers " Räuber Hotzenplotz" und zahlreichen Fassungen von " Der gestiefelte Kater" auch drei Stücke eines neuen Kindertheaters.
Politisch-ökonomische Ursachen der Alltagsprobleme und -konflikte wurden zum Beispiel im Grips Theater Berlin, aber auch in zahlreichen Kinder- und Jugendtheatern in Nordrhein-Westfalen, beim Namen genannt und verantwortlich gemacht. Es ist nicht zu leugnen, daß das Neorealistische Kindertheater im weitesten Sinne des Wortes pädagogisch-didaktische Zielsetzungen hatte. Diese dürften sich in den folgenden Absichtsäußerungen wiederfinden:
- das Theater sollte Mut machen,
- die Geschichten sollten das Selbstbewußtsein fördern,
- die Anlagen der Figuren sollten zur Selbstreflexion anregen,
- die Aufführungen sollten Kommunikation in Gang setzen,
- das Spiel sollte der Emanzipation dienen. [...]

Gesellschaftliche Realität sollte erkennbar und durchschaubar gemacht werden. Die neuen Stücke hießen " Mannomann" (1972) von Volker Ludwig und Rainer Lücker, " Ein Fest bei Papadakis" (1973) von Christian Sorge und Volker Ludwig oder " Darüber spricht man nicht!" (1973) vom Theater Rote Grütze. Ihre Titel waren Programm. Der Kontakt mit den Rezipienten gehörte zur Methode, war unabdingbar für Authentizität und Glaubwürdigkeit, war Bestandteil des Realismus. Die verschiedenen Erscheinungsformen des Neorealistischen Kindertheaters auf gemeinsame Grundelemente abzuklopfen, beinhaltet auch, einen Katalog der Intentionen und Stilkriterien zusammenzustellen. In unterschiedlicher Intensität und Ausprägung lassen sich folgende Merkmale ausmachen, die zwar nicht immer gleichermaßen auf die einzelnen Theaterproduktionen zutrafen, jedoch zum größten Teil erfüllt wurden:

- Die Stücke entsprachen der Erfahrungswelt der Kinder.
- Die Stücke waren geprägt durch eine Parteilichkeit zugunsten der Kinder.
- Der Jargon der Kinder wurde oft in den Text mit aufgenommen.
- Die Verknappung der komplexen Sachverhalte aus der Realität sollte dort verdeutlichen helfen, wo die Autoren Schwerpunkte setzten.
- Die Kinder auf der Bühne waren als Prototypen angelegt und sollten mustergültig funktionieren, was Sehen, Lernen und Verhalten betraf. [...]

Die Analyse der Kindertheater, vor allem der für ihr Konzept exemplarischen Stücke, belegte solche gemeinsamen Grundüberzeugungen. In Struktur und Inhalt bleiben die Ansprüche des Neorealismus bis in die 80er Jahre bestehen. Auch das Dramaturgiemodell, das auf viele Produktionen zutraf, findet zum Teil noch heute, auch in den neuen Stücken, Verwendung. Das konzeptionelle Grundmuster der Stücke geht zumeist davon aus, daß eingangs einzelne Kinder vorhanden sind, die entweder durch äußere Umstände oder durch Probleme untereinander in Konflikt geraten. In Form einer solidarischen Lösung des Problems bildet sich daraus häufig auch eine Gruppe, die ihre gemeinsamen Interessen erkannt hat. Das Zusammentun und gemeinsame Lösen spiegelt einen der Schlüsselbegriffe dieser Theater-Spielform wider.
Auch die Jugendstücke übernehmen diese Konzeption. Von Volker Ludwig und Detlef Michel stammt " Das hältste ja im Kopf nicht aus" (1975), das Theater Rote Grütze entwickelte " Mensch, ich lieb dich doch!" (1980) und Rudolf Herfurtner schrieb 1980 " Rita, Rita" .
Verändert hat sich aber im Laufe der Erfahrungen das Bewußtsein der Theatermacher im Hinblick auf die Art der Inszenierung, die Interpretation der Stücke als Schau- und Schulereignis, mit anderen Worten im Hinblick auf die ästhetische Bewertung. Allmählich im Laufe der Entwicklung des Neorealistischen Kindertheaters wurden die Elemente der vergnüglichen Zuschauervorstellung, des spaßigen, lustvollen Vorführens wiederentdeckt und damit der anfänglichen didaktisch-pädagogischen Strenge wieder abgeschworen.
Wilfrid Grote bearbeitete Märchen unter besonderer Berücksichtigung ihres sozialen Gehaltes (" Der treue Johannes" , 1984), Friedrich Karl Waechter schuf als Psychologie einer Freundschaft " Kiebich und Dutz" (1979), und Paul Maar entwickelte als Esslinger Trilogie Stücke der Spielfreunde mit phantastischen Elementen wie " Mützenwexel" (1983). [...]

Wolfgang Schneider