shemaleup.net
xfetish.club
site-rips.club
sexvr.us

Publikationen

Schneider, Wolfgang (Hrsg.):
Kinder- und Jugendtheater in Frankreich.

Frankfurt (Main): dipa-Verlag 1997. 128 Seiten
ISBN 3-7638-0391-4

Eine Landschaft gilt es zu entdecken: die Landschaft des Kinder- und Jugendtheaters in Frankreich. Denn in unserer unmittelbaren Nachbarschaft spielen große und kleine Bühnen für ein junges Publikum. Zum Beispiel im Théâtre Jeune Public in Straßburg, im Théâtre Jeunes Années in Lyon oder im Théâtre Le Grand Bleu in Lille. Dramatiker schreiben Kindertheaterstücke wie zum Beispiel Bruno Castan, Joelle Rouland oder Maurice Yendt.   Frankreich verfügt über eine reichhaltige Szene an Puppen- und Objekttheatern, Tanztheatern und Musiktheatern für Kinder. Es gibt Theater für die Allerkleinsten und ein junges Theater für Erwachsene.   Darüber informiert diese Publikation des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland. Regisseure und Autoren kommen ebenso zu Wort wie Kritiker und Theaterveranstalter. Die Bestandsaufnahme dokumentiert Geschichte, Theorie und Praxis und versammelt Eindrücke vom französischen Kinder- und Jugendtheater.   Im dipa-Verlag bereits erschienen sind die Bände: " Kinder- und Jugendtheater in der DDR" , „Kinder- und Jugendtheater in den Niederlanden" , " Kinder- und Jugendtheater in der Schweiz" und " Kinder- und Jugendtheater in Italien" , alle herausgegeben von Wolfgang Schneider.

Die Entdeckung einer Landschaft   Kinder- und Jugendtheater in Frankreich Das deutsche Theater für Kinder ist Stolz auf ein europäisches Repertoire. Die Künstler pflegen Beziehungen zu den holländischen Kollegen, sie spielen Stücke aus Schweden, sie laden sich Gruppen aus der Schweiz ein, sie kooperieren mit Kindertheatern in Belgien, sie mögen die Spielweise der italienischen Schauspielensembles, sie erfreuen sich an dem Unterhaltungswert von dänischen Truppen, sie knüpfen Kontakte nach Osteuropa, sie schauen nach dem " theatre in education" auf der britischen Insel, sie wissen vom " Teatro O’Bando" in Portugal, sie kennen das " Theater Mladih" aus Bosnien und das " Mala Scena" aus Zagreb, sie besuchen das Festival " Szene Bunte Wähne" in Österreich und das Festival " Korczak Alive" in Polen.   

Was spielen, mögen, schauen, wissen, kennen sie vom Kinder- und Jugendtheater in Frankreich? Was erfreut sie daran? Wie kooperieren sie? Wann laden sie es ein, wann besuchen sie es? Mitten in Europa scheint es für das deutsche Kindertheater einen weißen Fleck auf der Landkarte zu geben. Endet am Rhein zwischen Basel und Mainz das Interesse, die Kenntnis der Theatermacher? Wer weiß wie viele Nationale Dramatische Zentren in unserer allernächster Nachbarschaft für Kinder spielen? Wer weiß, daß es überhaupt solche von der französischen Kulturpolitik geförderte Zentren gibt? Wer war schon einmal auf der " Biennale" in Lyon, bei " Enfantillages" in St. Denis oder bei " Vitrine Bleu" in Lille? [...]   Kennenlernen heißt die Devise und das heißt auch die Unterschiede festzustellen. " Während der französische Theaterbetrieb seine Funktionsweise dem Regiekünstler anpaßt, der jede neue Inszenierung angeht, wie ein Filmregisseur einen neuen Film, muß sich der deutsche Regisseur eng gesteckten Möglichkeiten anpassen. In Frankreich kann jeder Beteiligte einer Produktion die Proben bis zur Premiere als ein künstlerisches Abenteuer auskosten und sich auch auf der anschließenden Tournee von anderen Verpflichtungen freihalten, während sich sein deutscher Kollege in der Regel während der Proben für eine neue Produktion einer Vielzahl anderer Aufgaben zu widmen hat" hieß es in der Einleitung zu einer Diskussion im Rahmen des 37. Theatertreffens 1997 in Berlin. Vive la différence! Französische Theater spielen " en suite" , deutsche mit alternierendem Spielplan. Während deutsche Schauspieler im Laufe eines ihrer Arbeitstage diversen Aufgaben gegenüberstehen – sie lernen morgens den Text von Stück X, proben nachmittags das Stück Y und spielen abends das Stück Z (im Kindertheater geht es noch ein bißchen mehr durcheinander) – können sich französische Darsteller in der Regel auf nur jeweils eine Produktion konzentrieren. Deutsche Schauspieler entwickeln, um der Aufgabenvielfalt Herr zu werden, Techniken, die darauf abzielen, mit jedweder Dramatik schnell zurecht zu kommen. Französische Schauspieler stellen ihre Persönlichkeit in den Mittelpunkt ihrer Theatertauglichkeit. In Frankreich entscheidet der Regisseur, welches Stück er als nächstes inszenieren will, in Deutschland entscheidet die Zusammensetzung des Ensembles, welches Stück überhaupt besetzbar ist. Engagiert der französische Regisseur seine Schauspieler, engagiert in Deutschland das Ensemble (in Vertretung durch Intendanz und Dramaturgie) Regisseure, die gut zum Haus passen.  

Die Mobilität der Theater scheint der markanteste Unterschied zu sein. Kaum eine Produktion des französischen Kinder- und Jugendtheaters bleibt, wo sie produziert wurde. Das hat Auswirkungen auf die Szenographie. Die ist flexibel, aber nicht weniger anspruchsvoll. Und das gilt auch für die großen Häuser. Alles geht auf Achse. Quer durch die Republik. Lille spielt in St. Dennis, St. Nazaire in Strasbourg, Sartrouville in Lyon, Montreux in Le Havre und umgekehrt und jede Spielzeit und zudem in Kulturzentren und Bürgerhäusern und Theatern ohne eigenes Ensemble. Das Kinder- und Jugendtheater in Frankreich ist ein großes Unternehmen des Kulturmanagements.   

In Straßburg durfte ich einmal Zeuge sein, wie der Austausch funktioniert. Mehr als 100 Teilnehmer versammelten sich im " Théâtre Jeune Public" zu einem regionalen Treffen des französischen nationalen Kulturamtes. Über mehrere Stunden wurden Inszenierungen diskutiert. " Das habe ich gesehen, das finde ich gut" – " Das gibt es nur nächstes Jahr zwischen März und Mai. Buchen sie jetzt!" - " Das hat mir gar nicht gefallen. Da engagiere ich lieber noch einmal die Produktion der letzten Spielzeit." – " Wir sollten uns in unserer Region zusammentun und gemeinsam Verträge machen. Dann wird es auch billiger." – " Wer möchte nächstes Jahr noch einmal Puppentheater zeigen?" - " Wer braucht noch eine Tanztheateraufführung?" – " Sollen wir nicht einmal etwas aus Deutschland einladen?" – " Ja, aber nur in französischer Sprache!" Ich lernte ein neues Berufsfeld kennen. Den Programmateur, meist weiblich, kenntnisreich, kritisch, wohlwissend um das Publikum, sympathisch die Theaterkünstler begleitend, mit atemberaubenden Budgets und teilweise 250 Terminen pro Jahr, die es zu bestücken gilt. Jeder der ein Haus hat, lädt auch ein. Jeder hat seine Vorlieben, seine Schwerpunkte. Allen gemein ist das Interesse am Austausch. Zur Freude der Kinder und Jugendlichen. Die können viel sehen, Theater aus der Normandie, aus Paris, aus dem Elsaß, aus Marseille. Auch Theater aus Italien und Spanien. Denn die haben ähnliche Strukturen und sind darüber hinaus sehr an Kooperationen interessiert. Parma mit Evreux, St. Nazaire mit Padua. " La Ribalta" produziert regelmäßig in Lille, das " Théâtre des Jeunes Années" gastiert regelmäßig in Turin.  

Wer glaubt, daß die Kunst auf der Strecke bliebe, irrt gewaltig. Nichts ist komplizierter als ein Gastspiel aus Frankreich. Als wir uns in Bad Münstereifel trafen, mußten für 40 Minuten Tanztheater 40 Scheinwerfer gehängt werden, brauchten wir trotz vorangegangener Tagungen mit Gastspielen erstmals eine gehörige Portion Starkstrom, weswegen im Kursaal vom Haus des Gastes eigens ein teurer Anschluß gelegt werden mußte. Das französische Kinder- und Jugendtheater legt Wert auf ausgeklügelte Technik. Die Gastspielorte vor Ort sind darauf eingerichtet. Und nicht nur das Kinder- und Jugendtheater. Denn das französische Kinder- und Jugendtheater ist schon lange kein Theater mehr, das einseitig auf ein Publikum schielt. Das Théâtre pour l’enfance et la jeunesse hat sich zum Théâtre jeune public gewandelt. Theater für Alle. Klein und Groß im Zuschauerraum. Ein Theater der Generationen. Und da wären wir nun endlich bei den Gemeinsamkeiten. Wie auch im deutschen Kinder- und Jugendtheater hat sich der Horizont des Kinder- und Jugendtheaters in Frankreich geweitet. Theater für die ganz Kleinen ist auch ein Theater für Eltern. Theater mit Puppen und Objekten ist Figurentheater, das morgens und abends gezeigt wird. Und obwohl die Schulen mit Abonnements die Theaterhäuser füllen, streben die Theatermacher den freien Verkauf an. Freiwilligkeit statt Theaterzwang ist ihre Devise.   

So werden auch die Stoffe ausgewählt. Klassiker des Theaters für Kinder, Kindertheater für Erwachsene. Wie in Deutschland so spielen auch in Frankreich Texte eine große Rolle. Und auch die Autoren. [...]  

Es gibt viel zu entdecken. Nicht nur Stücke und Autoren, eine ganze Landschaft, in der Kinder- und Jugendtheater landauf, landab zu sichten ist. Dem diente eine Tagung in der Kurt-Schumacher-Akademie in Bad Münstereifel, der folgte ein Tag des französischen Kinder- und Jugendtheaters auf dem Frankfurter Autorenforum mit der Präsentation dieser Publikation. Nach 1997 kann niemand mehr behaupten, er hätte von all dem nichts gewußt. [...]

Wolfgang Schneider