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Publikationen

Schneider, Wolfgang (Hrsg.):
Kinder- und Jugendtheater in Berlin.

Frankfurt (Main): dipa-Verlag 2001. 220 Seiten
ISBN 3-7638-0530-3

Diese Großstadt prägt. Das Sein bestimmt auch hier das Bewusstsein, auch das der Künstler. Und hier ist das Leben der Kinder und Jugendlichen besonders. Besonders konfliktreich, besonders problembelastet, besonders erfahrungsintensiv. Rundherum viel Beton, auch nach dem Mauerfall. Mittendrin viel Bevölkerung aus vielen Kulturen, nicht nur aus Ost und West. Zwischendurch Love-Parade und Karneval der Kulturen, Podewil und Tacheles, Grips und carrousel, die geballte Ladung Kultur. In Berlin wird schneller reflektiert, härter interpretiert, wilder ausprobiert. Die Lebenskunst auf der Bühne ist in viel stärkerem Maße vom Wohl und Wehe des Publikums abhängig. Das verpflichtet. Das formt. Das festigt. Berlin ist ein Laboratorium für das deutsche Kinder- und Jugendtheater. Hier entstehen nach wie vor Stücke – zum Nachspielen geeignet. Hier entstehen Produktionen – für Gastspiele in Russland wie in Indien prädestiniert. Hier entstehen Begegnungen – für die Zukunft der künstlerischen Auseinandersetzung von Bedeutung. Berlin ist eine Reise wert, wenn man an zeitgenössischem Schauspiel für Menschen ab drei Jahren interessiert ist. Berlin ist ein Mekka des Puppenspiels und des Figurentheaters. Berlin ist eine Hauptstadt des Kinder- und Jugendtheaters. Darüber berichten die Autorinnen und Autoren dieser Publikation. Vater und Sohn Kranz bearbeiten die ersten 42 und die letzten acht Jahre jener Bühne, die zunächst Theater der Freundschaft und heute carrousel-Theater an der Parkaue heißt. In einer 48seitigen Beilage lassen die Macher selbst die Geschichte eines der ältesten Kinder- und Jugendtheater Deutschlands Revue passieren. Die frühere Chefdramaturgin Christel Hoffmann präsentiert ein künstlerisches Konzept, das auch noch nach einem Vierteljahrhundert wichtige Standards zu setzen weiß und führte ein Gespräch mit ihrem Oberspielleiter, dem Autor und Regisseur Horst Hawemann. Ingeborg Pietzsch stellt andere Dramatiker vor, Günter Jankowiak behauptet, dass Jugendliche Theater brauchen, Manfred Jahnke kritisiert die Theaterkritik, Gerd Taube porträtiert die Puppenspielkunst und Hartmut Topf weiß von den Puppenspielern zu berichten. Die Professoren Hans-Wolfgang Nickel und Kristin Wardetzky dokumentieren erstmals die theaterpädagogischen Aktivitäten und Annett Israel beleuchtet Berlin als nationale und internationale Drehscheibe des Kinder- und Jugendtheateraustausches.

Christel Hoffmann im Gespräch mit Horst Hawemann

Ich habe nie so viel über Theater geschrieben wie in der Zeit, als ich mich mit dem Kindertheater beschäftigt habe, da ich mir nicht eingebildet habe, dass mir das bekannt sei. Dieser Zuschauer war für mich im Denken eine Anstrengung, keine sichere Bank. Selbst wenn man so viel Kindheit um sich herum sieht oder vieles über Kindheit aus der Literatur erfahren hat, lässt sich im Theater wenig damit anfangen, weil das aus dem Abstand später gedacht und aufgeschrieben wurde. Der Zuschauer war für mich im Verhältnis zum Theater oder im Theater eine unbekannte Größe, ein fremdes Wesen. Damit wollte ich nicht herumspielen, sondern erst einmal herausfinden, was das eigentlichist. In diesem Zusammenhang erzähle ich immer eine Geschichte: Ein Mann erreicht nur mit Mühe seine S-Bahn, und damit er es schafft, nimmt er sein Kind auf den Arm, eher grimmig und böse, da er zur S-Bahn hinrennt, während das Kind auf seinem Arm sitzt und vor Freude jubelt über diese spannende Bewegung seines Vaters. Dabei habe ich begriffen, dass Dinge, die alltäglich sind, die in das alltägliche Wissen, die so genannte Alltagserfahrung übergegangen sind, einen anderen Wert, einen Neu- und Entdeckungswert für den jungen Zuschauer haben. Und an dieser Entdeckung teilzunehmen, das war so ein Punkt, der mich interessiert hat. Es gibt im Deutschen das abwertende Wort: Der hat das Fahrrad noch mal erfunden. Ich würde es nicht so abschätzig halten: Lieber das Fahrrad noch einmal erfinden als ein ganzes Leben überhaupt nichts, vielleicht kommt dabei auch mal ein anderes Fahrrad heraus. Und dieser Neu- und Entdeckungswert, der von diesem Zuschauer abgegeben wird, der weist uns auch auf Dinge hin, die wir völlig aus dem Blick verloren haben. Und das alles an einem Tag! Was wir heute Alltag nennen, würde ich bei Kindern so bezeichnen: Und das alles an einem Tag. Und so viel an einem Tag. Ich glaube, diese Haltung ist auch für die Kunst und sicher auch für das Theater wichtig. Ich wünsche mir viele erwachsene Freunde und Kollegen, die dieses staunende Entdecken immer wieder in die Arbeit einbringen würden, dieses Staunen und Sichwundern, denn dabei würde ich auch auf eigenes oder sinnliches zu wenig Tun hin¬gewiesen. Also am meisten interessiert mich am jungen Zuschauer diese un¬gebremste Sinnlichkeit, die nicht sofort wertet, und dieses spannende Verhältnis, in dem man als Erwachsener eigentlich nichts getan hat, und der Zuschauer reagiert oft darauf, als wäre es ein ganz großes Erlebnis. Dass das so sein könnte, damit sollte man rechnen. Natürlich liegt hier auch das Risiko, das Ziel zu verfehlen, aber entscheidend ist die Haltung, dass man sich sagt, was für mich banale Normalität ist, hat vielleicht für einen anderen Menschen, nicht nur für Kinder, einen aufregenden Wert. Wenn ich so etwas erle¬be, bei fremden Nationalitäten oder in anderen Ländern, bekommt das für mich plötzlich eine staunende Sinnlichkeit. Dazu gehört nur eine Fähigkeit: Man muss sehen wollen sehen können, ist schon wieder etwas anderes.