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Publikationen

Schneider, Wolfgang Taube, Gerd (Hrsg.):
Kinder- und Jugendtheater in Russland.

Tübingen: Gunter Narr Verlag 2003. 196 Seiten
ISBN 3-8233-6021-3

In der von Wolfgang Schneider herausgegebenen Reihe " Kinder- und Jugendtheater der Welt" erscheint erstmals ein Band über die Entwicklung des Kinder- und Jugendtheaters in Osteuropa. Das Buch stellt eine traditionsreiche Theaterlandschaft vor und gibt Auskunft über die Bildungs- und Kulturpolitik sowie die soziale Situation und ihren Einfluß auf das Theater für Kinder und Jugendliche in Russland. Es werden Regisseure und ihre künstlerischen Konzepte sowie das gegenwärtige Repertoire des russischen Kinder- und Jugendtheaters vorgestellt. Die Rolle der Theaterpädagogik für das russische Kindertheater wird ebenso diskutiert wie die Kultur der Theaterkritik und Reflexion im zeitgenössischen Kinder- und Jugendtheater.

In der Literatur finden sich wenige Hinweise zum zeitgenössischen Kinder- und Jugendtheater in Russland, in der Theaterwissenschaft ist der Gegenstand sogar als Desiderat zu beklagen. Die Reihe " Kinder- und Jugendtheater der Welt" verschafft deshalb erstmals umfassend Einblicke in eine Theaterlandschaft, die über eine traditionsreiche Geschichte und eine beeindruckende Praxis verfügt. Diverse Veröffentlichungen beschäftigen sich mit der russischen Kinder- und Jugendliteratur, einige Publikationen beschreiben den russischen Kinder- und Jugendfilm. Dem Kinder- und Jugendtheater ist dieser Band gewidmet.   

Das Kinder- und Jugendtheater hat in Russland einen besonderen Namen, es heißt Theater des jungen Zuschauers oder Theater für junge Zuschauer, in jedem Falle aber wird es mit der Abkürzung TJuS bezeichnet. In einem Land, in dem Akronyme die bandwurmartigen Bezeichnungen von Institutionen und Gremien auf ein sprechbares Maß begrenzen, ist deren Nutzung in der Alltagssprache nicht nur üblich, sondern auch praktisch – und vor allem spart sie Zeit.  

Konzept und Konflikt  

Wie sehr der Begriff TJuS im Alltagsrussisch bereits verwurzelt ist zeigt die Polemik von Marina Dmitrewskaja. Die renommierte Theaterkritikerin aus St. Petersburg weist in ihrem Beitrag daraufhin, dass zum Substantiv TJuS auch das Adjektiv " tjusatelny" existiert, was mit tjusisch nur unzureichend zu übersetzen ist. Tjuserei, der Begriff den unsere mit dem russischen und sowjetischen Theater seit Jahrzehnten vertraute Übersetzerin Elke Wiegand verwendet hat, trifft zumindest etwas von dem pejorativen Beigeschmack, den das Wort hat. Marina Dmitrewskaja geht in ihrem Hader mit dem TJuS sehr weit: Sie stellt die Notwendigkeit eines speziellen Theaters für junge Zuschauer in Frage. Ihre Polemik ist aber kein Urteil gegen Theater für junge Zuschauer, sondern eine Plädoyer für Theaterkunst für junge Zuschauer.   

Die Kontroverse zwischen pädagogisch-ideologischer Vereinnahmung, harmonisierend-verharmlosender Zerstreuung und anspruchsvoller Kunst hat die Geschichte des TJuS von Anfang an geprägt. Manon van de Water, amerikanische Theaterwissenschaftlerin und Theaterpädagogin hat diese Kontroverse in ihrer Mitte der neunziger Jahre entstandenen Dissertation dargestellt und analysiert. Ein Kapitel ihrer Arbeit findet Eingang in dieses Buch und weist damit noch einmal eindringlich auf das Desiderat einer Geschichte des TJuS hin, die für die Zeit von den Anfängen bis zur Gegenwart dieser Theaterform, weder auf Russisch, noch in einer anderen Sprache existiert.   Wenn es eine Autorin in Deutschland gibt, die kompetent und aus persönlichem Erleben über die Einflüsse des sowjetischen TJuS auf die Kinder- und Jugendtheater in der DDR, die Wechselwirkungen zwischen den Theatersystemen und die vielfältigen menschlichen Beziehungen jenseits verordneter offizieller Völkerfreundschaft berichten kann, ist es Christel Hoffmann, deren frühere Arbeiten zur Geschichte des TJuS auch heute noch lesenswert sind. Ihr Beitrag verweist auch noch einmal deutlich, wie stark die Einflüsse der sowjet-russischen Theaterkunst auf das künstlerische Wirken der Kinder- und Jugendtheatermacher im Osten Deutschlands gewesen ist und welches Potential diese Beziehung birgt.

Spiel und Spielen  

Die Entwicklung des TJuS ist immer eng mit der Beteiligung des Publikums als spielender Partner verbunden gewesen. Olga Sacharowa und Wladimir Tschigitschew berichten in ihren Beiträgen über das Theaterspielen in pädagogischen Kontexten, die mit dem TJuS nur mittelbar in Verbindung stehen. Sie machen damit deutlich, dass die Kinder- und Jugendkultur des Theatersehens eine Kultur des Theaterspielens voraussetzt.

Kunst im sozialen Kontext  

Von der Inaugenscheinnahme des realen russischen Theaters für junge Zuschauer bei der Biennale " Realny Teatr" in Jekaterinburg berichtet Jekaterina Gorochwskaja. Dort ist alle zwei Jahre die ganze Bandbreite des gegenwärtige TJuS-Repertoires zu besichtigen, das geprägt ist von Märchen, Klassikeradaptionen und ausgewählten Stücken aus dem alten Sowjet-Repertoire. Gegenwartsdramatik existiert im TJuS kaum, nur wenige Autoren schreiben für das Kinder- und Jugendtheater in Russland. Zwar beginnt sich einiges zu verändern, aber nur langsam interessieren sich junge Dramatiker für das junge Publikum und für zeitgenössische Stoffe. Solcher Dramatik hafte noch immer der Ruch des Vorübergehenden und Flüchtigen an, meint Oleg Lojewski, Chefdramaturg am TJuS in Jekaterinburg in seinem Beitrag über die schmalen Wege, auf denen die russische Gegenwartsdramatik für Kinder und Jugendliche wandelt. Die klassischen Stoffe sind dagegen nationalen Mythen gleichgestellt und damit im wertkonservativen Russland per se hoch angesehen. Die Petersburger Autorin und Dramaturgin Natalja Skochorod zeigt in ihrem Beitrag, wie das Theater die Wirklichkeit mittels der klassischen Literatur spiegelt und welchen Anteil eine gekonnte szenische Adaption am Erfolg dieses Unternehmens hat.   

Einen ganz anderen Einfluss der Realität auf die Kunst beschreibt Michail Bartenew in seinem Text über die Architektur des Theaters für junge Zuschauer in Russland. Er stellt sehr eindrucksvoll dar, wie sehr die unter repräsentativ-propagandistischen und nicht unter szenisch-kommunikativen Gesichtspunkten entstandenen Theater- und Bühnenräume der Theater für junge Zuschauer die Theaterkunst beeinflussen und wie viel Kreativität die Regisseure auf die Kompensation der Mängel dieser Raumkonzepte verwenden müssen.

Begegnungen und Erfahrungen  

Warum soll sich ein deutscher Theatermacher für das Kinder- und Jugendtheater in Russland interessieren? Diese Frage steht im Mittelpunkt des Beitrages von Gerd Taube, der damit nicht nur die Gründe für die Entstehung des vorliegenden Buches, sondern für ein ganzes kulturelles Austauschprogramm reflektiert, welches das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland und die deutsche ASSITEJ mit der ASSITEJ Russland verabredet haben und gemeinsam durchführen. Teil dieses Austauschprogramms ist die künstlerische Begegnung. Der Regisseur und Intendant des carrousel Theaters an der Parkaue in Berlin, Manuel Schöbel, spricht in seinem St. Petersburger Probentagebuch über seine Erfahrungen aus der Praxis dieser künstlerischen Begegnung bei der Konfrontation mit der Realität eines russischen Theaterbetriebes. Dieser Innenansicht des TJuS fügt Manfred Jahnke seine Beobachtungen der Theaterereignisse auf der Bühne des Theaters für junge Zuschauer an unterschiedlichen Orten in Deutschland und in Russland hinzu. Wolfgang Schneider und Gerd Taube schließlich, berichten über ihre individuellen Stationen und Schritte bei der Annäherung an russisches Kinder- und Jugendtheater und reflektieren dabei den Gegenstand dieses Buches auf historischer, kulturpolitischer, ästhetischer, soziologischer und menschlicher Ebene.

Handwerk und Handschriften  

Fünf Porträts einiger ausgewählter Künstler des Theaters für junge Zuschauer geben am Ende des Buches Einblick in persönliche Biographien und künstlerische Eigenarten bemerkenswerter Künstlerpersönlichkeiten. So fragmentarisch diese biographische Annäherung auch sein mag, die tiefe Verwurzelung in einer nationalen Theaterkultur und die fraglose Zugehörigkeit des Theaters für junge Zuschauer zur nationalen russischen Theatergeschichte wird auch in diesen Schlaglichtern noch einmal deutlich. Sie liefern damit eine weitere Begründung für die Folgerichtigkeit der Auseinandersetzung mit dem Theater für junge Zuschauer. Das TJuS und das Theater für junge Zuschauer sind nicht nur russische, sondern europäische Errungenschaften. Und bei aller konzeptionellen und ästhetischen Kontroverse, die Kunst und Kultur des Theaters für junge Zuschauer muss zu einem europäischen Kulturgut werden, das seine jeweiligen nationalen Wurzeln nicht verleugnend bei der Gestaltung des gemeinsamen europäischen Hauses die erste Geige spielt.